Alternative zu Antibiotika? MLU koordiniert Verbundprojekt zur Phagentherapie
Antibiotikaresistente Bakterien gehören laut der Weltgesundheitsorganisation zu den zehn gröĂten Bedrohungen fĂŒr die öffentliche Gesundheit. Weltweit sterben SchĂ€tzungen zufolge jĂ€hrlich rund 1,3 Millionen Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern. Bakteriophagen könnten hier Abhilfe schaffen. âPhagen sind Viren, die in der Natur vorkommen und die jeweils nur ganz bestimmte Bakterienarten befallen und töten können. Antibiotika wirken hingegen gegen gute und schĂ€dliche Bakterien gleichermaĂenâ, erklĂ€rt der Projektleiter Dr. Timo Faltus von der MLU.
In mehreren osteuropĂ€ischen LĂ€ndern kommen Phagen seit vielen Jahrzehnten zum Einsatz. In Deutschland ist das aber noch nicht der Fall. âDass Phagen bisher nicht breiter genutzt werden, ist meiner Meinung nach nicht nur ein technisches, medizinisches Problem, sondern ein strukturellesâ, sagt Faltus. Anders als bei Antibiotika muss die Behandlung mit Phagen in den meisten FĂ€llen auf die jeweilige Patientin oder den jeweiligen Patienten abgestimmt und die Phagen mĂŒssen individuell hergestellt werden. Das könnte theoretisch in Krankenhausapotheken passieren. âAllerdings ist unser Gesundheitssystem bisher vor allem auf Fertigarzneimittel ausgelegt, die unabhĂ€ngig vom konkreten Patienten produziert werden. Individualisierte und in der Apotheke hergestellte Arzneimittel durchlaufen im Unterschied zu Fertigarzneimitteln keine Zulassungsverfahren, sie sind teurer und gehören automatisch nicht zum Leistungskatalog der Krankenkassen. Die allgemeine Patientenversorgung mit individualisierten Phagenarzneimitteln setzt daher neue technische, ethische, rechtliche und gesundheitsökonomische AnsĂ€tze vorausâ, sagt Faltus weiter.
Genau an diesem Punkt setzt das Projekt âMEDphageâ an. Das Projekt wertet den aktuellen Forschungs- und Rechtsstand aus und gleicht ihn mit der medizinischen Praxis ab. Auf dieser Grundlage sollen am Ende konkrete und praxistaugliche Empfehlungen fĂŒr Politik, Wissenschaft und Versorgung stehen. Um das Thema möglichst umfassend zu bearbeiten, kooperieren Juristen, Medizinethiker, Gesundheitsökonomen und Mediziner im Rahmen des Projekts. Zudem ist das Team im engen Austausch mit Patientenvertretungen, Behörden, Vertretern von Krankenkassen, Ărzten und der pharmazeutischen Industrie.
